Best Practice Beispiele

Fahrschule Rump in Konstanz-Petershausen

Aus Sicht des Ausbilders Marco Chiarito

Marco Chiarito vor der Fahrschule
Foto: Landratsamt Konstant

Kurzprofil
Herr Chiarito
• ist seit 2007 Fahrlehrer für die Ausbildungsklassen Auto, Motorrad und LKW,
• ist Sicherheitstrainer für Pkw und Motorrad,
• ist IHK-Prüfer und Ausbilder für Berufskraftfahrer,
• ist Ausbilder für Fahrlehrer und
• bildet seit 2016 Kaufleute für Büromanagement in Teilzeit aus.

Warum engagieren Sie sich für Teilzeit-Ausbildung?
Ich möchte Alleinerziehenden eine Chance geben und Perspektiven eröffnen. Zudem möchte ich die Motivation meiner Mitarbeiterinnen fördern.

Warum hat sich Ihr Unternehmen für Teilzeit-Ausbildung entschieden?
Das ist dem Zufall geschuldet und eigentlich das Beste, das mir passieren konnte. Eine meiner ehemaligen Fahrschülerinnen arbeitete auf 450 €-Basis bei mir. Eines Tages fragte sie mich, ob ich sie nicht in Teilzeit zur Bürokauffrau ausbilden könnte. Ich hatte keine Ahnung welche Voraussetzungen ich als Unternehmer dafür erfüllen muss - im Fahrschulbereich sind Ausbildungen im Bürobereich eher selten.

Was kam dann auf Sie zu?
Zunächst fragte ich bei meiner zuständigen Kammer nach, ob ich ausbilden dürfe. Meine Ansprechpartnerinnen bei der IHK informierten mich umfassend und berieten und begleiteten mich in den letzten drei Jahren zuverlässig und unbürokratisch zu allen Themen rund um die Teilzeitausbildung. Ich schätze die kurzen Wege und schnellen, praktikablen Lösungen. Bei der Kammer habe ich mich stets gut aufgehoben und wirklich betreut gefühlt.

Zunächst musste ich die Ausbildereignungsprüfung ablegen. Dies war kein Problem, da ich stets offen für Neues bin. Das wünsche ich mir übrigens auch für meine Mitarbeiterinnen und ermuntert sie Fortbildungen zu besuchen. Schwieriger war da schon die umfassende Kenntnisvermittlung und die Auslastung der Auszubildenden in einem so kleinen Betrieb. Gemeinsam haben wir überlegt, welche Tätigkeiten die Auszubildende übernehmen kann. Das waren dann Aufgaben wie die Betreuung der Fahrschüler*innen, Organisation und Auswertung der Theorieprüfungen, Organisation der Bustrainings, Excel-Tabellenführung, führen der Fahrtenbücher und der Bar-Kasse usw.

Was ist mit den Teilbereichen, die Sie nicht selber ausbilden können?
Ja, z.B. der Bereich Buchhaltung; das muss ich extern bei einem Steuerbüro schulen lassen. Aber auch das ist alles nur eine Frage der Organisation.

Wie war das mit dem Berufsschulunterricht?
Der hat ab und zu meine Planungen durcheinandergebracht. Natürlich muss man sich als Ausbildungsbetrieb an die Berufsschultage halten und ggfs. im eigenen Betrieb Dinge umstellen. So finden die Bustrainings bei den Konstanzer Stadtwerken eigentlich immer mittwochs statt; da aber mittwochs Berufsschule war, habe ich mit den Stadtwerken telefoniert und die haben dann die Trainings problemlos und unbürokratisch auf den Dienstag verlegt. Ebenso finden in der Fahrschule zumeist freitags Prüfungen statt; auch da ist Berufsschule; also muss man sich wieder eine andere Lösung überlegen. Ich denke, dass heute eben auch Unternehmen flexibler und kreativer werden müssen.

Warum haben Sie gesagt, dass Ihre Auszubildende in Teilzeit das Beste war, das Ihnen passieren konnte?
Für mich ist es kostengünstiger Auszubildende einzustellen als eine 450€-Kraft; durch meine Auszubildende ist die Fahrschule dauerbesetzt und ich kann mich voll und ganz auf meine Arbeit als Fahrlehrer konzentrieren – ich habe den Rücken frei.
Der Kostenaufwand ist nahezu gleich wie bei 450-€-Jobbern, bei einer weitaus höheren Identifikation mit dem Unternehmen. Eine 450-€-Kraft arbeitet für mich knapp 40 Stunden pro Monat, meine Auszubildende in Teilzeit knapp 80 Stunden für das Unternehmen. Dadurch, dass die Fahrschule jetzt viele Stunden in der Woche geöffnet ist, konnten wir viele Neukund*innen gewinnen.

Ihre erste Auszubildende war Zufall. Dieses Jahr haben Sie wieder eine Familienmutter als Teilzeit-Auszubildende eingestellt. Warum?
Nachdem meine erste Auszubildende dieses Jahr im Sommer erfolgreich und mit Belobigung ihren Abschluss zur Bürokauffrau bestanden hat und jetzt noch die Ausbildung zur Fahrlehrerin oben darauf sattelt, habe ich mich entschieden, erneut in Teilzeit auszubilden.

Erstens habe ich jetzt schon Erfahrung und weiß was mich erwartet, zweitens überzeugen mich die Lebensälteren mit Familienverantwortung; das sind gestandene Frauen, die es zu schätzen wissen, dass sie eine Ausbildung in Teilzeit machen können; sie haben ein starkes Eigeninteresse am Gelingen der Ausbildung. Ich bewundere den Mut und die Ausdauer dieser Mütter, die immer irgendwie alles auf die Reihe kriegen, kurzfristig improvisieren und Krankheitsausfälle kann ich wirklich an einer Hand abzählen.

Gab es in den letzten drei Ausbildungsjahren keine Ausfallzeiten wegen fehlender Kinderbetreuung?
Wichtig ist es, dass das Thema Kinderbetreuung im Vorfeld geplant und durchdacht wird. Meine Auszubildende bekam frühzeitige und gute Unterstützung durch das Jugendamt in Form einer Tagesmutter, die sich sehr gut um beide Kinder gekümmert hat. Natürlich läuft nicht immer alles nach Plan. Eigentlich kann meine Auszubildende auf ein solides Unterstützernetzwerk zurückgreifen, dennoch gab es auch Tage, an denen die Kinder in den Schulferien in die Fahrschule mitgebracht werden mussten, weil die geplante Betreuung ausfiel. Da haben die Kinder dann hier in unseren Räumen gemalt oder wir haben den Schulungsfernseher auf Kinderkanal umgestellt. Da muss man halt nach Lösungen suchen, statt zu jammern.

Worauf sollten Unternehmer*innen achten, bevor Sie jemanden in Teilzeit ausbilden?
Mir persönlich war es sehr wichtig, dass ich meine beiden Auszubildenden vor der Einstellung bereits als Fahrschülerinnen kannte. Ich kenne ihre Motivation, das was sie antreibt, wofür und warum sie die Ausbildung machen wollen. Wichtig ist ein ehrlicher Umgang miteinander, sich nicht zu scheuen Themen offen anzusprechen; dies sollte schon im Vorstellungsgespräch beginnen.

Besten Dank Herr Chiarito für das interessante Interview. Schön, dass es Arbeitgeber wie Sie gibt, die Frauen, Müttern, Alleinerziehenden und dadurch auch deren Kindern Chancen ermöglichen, wohlwissend, dass es nicht immer rund läuft. Sie sind sicherlich ein Vorbild für andere Unternehmer*innen, denn Sie zeigen, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie selbst in einem kleinen Unternehmen gelingen kann.


Herr Chiarito steht Ihnen für Fragen unter der Telefonnummer +49 176 6700 1466 zur Verfügung.

Kontaktdaten
Fahrschule Rump
Inh. Marco Chiarito
Gustav-Schwab-Str. 13
78467 Konstanz

office@fahrschule-rump.de
https://www.fahrschule-123.de/de/fahrschule/fahrschule-rump/

Aus Sicht der Auszubildenden Francesca Loparco

Francesca Loparco steht am Flipchart in den Räumen der Fahrschule
Foto: Fahrschule Rump

Kurzprofil

Frau Loparco
• ist 27 Jahre jung und
• alleinerziehend und hat 2 Kinder; einen 5-jährigen Sohn und eine 7-jährige Tochter,
• hat ihre Teilzeitausbildung als Kauffrau für Büromanagement bei der Fahrschule Rump in Konstanz, im Juni 2019 erfolgreich beendet,
• und macht derzeit eine weitere Ausbildung zur Fahrlehrerin
 
Warum haben Sie sich für eine TZ-A entschieden?
Gerade für Frauen mit Kindern ist eine Ausbildung in Teilzeit eine große Erleichterung, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.“
  
Warum haben Sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement gewählt? Und warum in TZ?
Ich wollte immer schon im Bürobereich arbeiten; und eine Ausbildung in Teilzeit habe ich wegen meiner beiden Kinder gewählt. Ich bin früh Mutter geworden, aber für mich stand immer fest, ich will und muss einen Berufsabschluss nachholen. Als Vorbild für meine Kinder, weil ich Ihnen etwas bieten möchte und, um finanziell unabhängig zu sein.
 
War es einfach ein Unternehmen zu finden, dass Ihnen die Chance auf eine Ausbildung in Teilzeit ermöglichte?
Nein, es war sehr schwierig. Ich habe unglaublich viele Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz in Teilzeit geschrieben und nur Absagen erhalten. Es gibt einfach noch zu wenige Unternehmen, die in Teilzeit ausbilden und sich den Herausforderungen von Müttern stellen wollen. Interesse an einer Ausbildung in Teilzeit ist meiner Meinung nach bei vielen Eltern vorhanden. Dabei hatte ich mir im Vorfeld genau überlegt, ob ich es schaffen kann, wer mich auf meinem Weg unterstützen würde, wie ich die Kinderbetreuung regeln könnte usw., aber ich bin nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden.Nachdem ich nicht mehr wußte, bei wem ich mich noch bewerben soll, habe ich Herrn Chiarito von der Fahrschule Rump gefragt. Zu der Zeit arbeitete ich bei ihm auf Minijob-Basis. Er hat sich dann bei der zuständigen Kammer informiert und mir diese Ausbildungschance in Teilzeit ermöglicht.
  
Wie organisieren Sie die Kinderbetreuung – zum Beispiel, wenn Sie in der Berufsschule sind oder in den Ferien- und Randzeiten?
Einen großen Teil der Zeiten kann ich über Kita, Schule, Ganztagesbetreuung oder die Tagesmutter abdecken; und für Notfälle habe ich Verwandte und Freunde, die mich unterstützen und auch mal kurzfristig einspringen. Schon bevor ich mich um eine Ausbildungsstelle beworben habe, habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie es funktionieren könnte. Auch um Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen zu überzeugen, dass Beruf und Familie zu vereinbaren sind. Aber jede Mutter weiß auch, dass nicht immer alles nach Plan läuft. Ohne ein verlässliches Netzwerk und das Wohlwollen meines Arbeitgebers wäre vieles weitaus schwieriger gewesen.
 
Was machen Sie, wenn Ihr Kind krank wird?
Das hängt davon ab wie krank das Kind ist; wenn ein Kind oder auch beide Kinder gleichzeitig krank waren, konnte ich sie natürlich nicht zur Tagesmutter oder in die Krippe geben, wo andere Kinder sind; entweder habe ich sie dann zu meinen Verwandten gebracht oder auch ins Büro mitgenommen und vor den Fernseher gesetzt. Wenn das nicht ging, weil sie das Bett hüten mussten, bin ich zu Hause geblieben; mein Arbeitgeber war da immer sehr entgegenkommend und flexibel – auch, wenn ich mal kurzfristig ausgefallen bin. Auch bei noch so guter Planung und Organisation gibt es immer unvorhersehbare Situationen. Im Leben ist immer alles eine Frage von Geben und Nehmen; ich habe in solchen Momenten dann immer versucht, zumindest für eine Stunde ins Büro zu kommen, um die wichtigsten Dinge zu bearbeiten oder bin an den anderen Tagen länger geblieben, um das, was liegen geblieben ist aufzuarbeiten.
 
Gab es Schwierigkeiten während der Ausbildung? Wenn ja, welche?
Vor allem in Prüfungsphasen bin ich stark an meine Grenzen gestoßen; auch hier war mein Arbeitgeber verständnisvoll und hat mich unterstützt, indem ich von zu Hause aus auf die Prüfungen lernen durfte. Die schlimmste Zeit war als ausgerechnet beide Kinder während einer Prüfungsphase erkrankt sind – das war Stress pur. Aber auch sonst ist es nicht einfach, wenn man nach der Berufsschule sofort in Kita und Schule hetzen muss, um die Kinder pünktlich abzuholen, dann noch den Haushalt erledigen muss usw.; man hat nie frei und nie Zeit für sich. Dennoch ist es möglich und machbar eine Ausbildung auch als Alleinerziehende und trotz Kinder zu machen – und es lohnt sich!
 
Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie nicht gerechnet?
Wie schon erwähnt, dass ausgerechnet beide Kinder während der Prüfungsvorbereitungsphase erkranken oder auch “spontane“ pädagogische Tage in der Kita, wo dann ganz schnell ein Plan B gefunden werden muss. Das sind schon Herausforderungen. Ja, ich hatte mir eine Ausbildung in Teilzeit einfacher vorgestellt. Anfänglich war meine große Sorge wie die Kinder wohl auf eine Ganztagesbetreuung reagieren würden; aber sie haben beide schon während der Eingewöhnungsphase tapfer mitgemacht und mir als Mutter dadurch meine Entscheidung für eine Ausbildung sehr erleichtert. Klar gab es auch Momente, wo ich die Kinder vor den Fernseher gesetzt habe, weil ich einfach keine Alternative hatte; doch meine Kinder haben immer gut mitgemacht und keine Probleme bereitet, selbst wenn überraschenderweise z.B. nicht ich, sondern die Oma sie vom Kindergarten abgeholt hat.
 
Was war das für Sie für ein Gefühl als Sie, als eine der Besten, Ihre Ausbildung bestanden haben?
Es war ein sehr, sehr emotionaler Moment nach all der Anspannung; auch wenn es eigentlich “nur“ eine “einfache“ Ausbildung ist - war ich stolz auf mich, so stolz, dass ich das durchgehalten und geschafft habe. Ich habe mich sehr über die bestandene Abschlussprüfung gefreut, eine unglaubliche Last fiel in dem Moment von mir ab – ich habe geweint.

Meinen Kindern wollte ich ein Vorbild für ihre eigene Zukunft sein und ihnen etwas bieten können – beides habe ich erreicht; meine Kinder waren für mich der Ansporn jetzt weiterzumachen; so habe ich mir gleich nach der Abschlussprüfung mein nächstes Ziel gesetzt: die Ausbildung zur Fahrlehrerin. Ich habe mir selbst bewiesen – ich kann es schaffen! Und ich habe viel Anerkennung dafür bekommen, das tut richtig gut.
 
Mir ist bewußt, dass ohne mein privates Netzwerk und ohne die Unterstützung durch meinen Arbeitgeber, eine Ausbildung trotz Teilzeit noch schwieriger gewesen wäre. Und es wäre auch nicht gegangen ohne die Unterstützung meiner Kinder, die tapfer alles mitgetragen haben.Zudem bekam ich aufgrund der Ausbildung in Teilzeit weniger Ausbildungsvergütung – dennoch hat sich der Aufwand gelohnt!Ich habe bewiesen, dass man auch als Alleinerziehende das schaffen – allerdings braucht man auch einen ziemlich langen Atem.
 
Besten Dank Frau Loparco für Ihre interessanten Schilderungen.
Schön, dass es so Mutmacherinnen wie Sie gibt! Sie werden Ihren erfolgreichen Weg weitergehen. Alles Gute dafür!

Interview mit Lilia Sawatzky – Kauffrau für Büromanagement

Lilia Sawatzsky am Schreibtsich
Lilia Sawatzsky, 44 Jahre, alleinerziehend, 4 Kinder
Ausbildungsjahr – Kauffrau für Büromanagement

Warum haben Sie sich für eine Ausbildung in Teilzeit entschieden?

Warum habe ich mich für eine Ausbildung in Teilzeit entschieden? Ehrlich gesagt ich hatte keine andere Wahl. Als mein Mann, bei dem ich 16 Jahre lang im Betrieb mitgearbeitet habe, die Familie verließ, stand ich vor dem absoluten NICHTS. Ich hatte keine Ausbildung, keine Arbeit und vier Kinder, die versorgt werden mussten. Die Situation hat mir die Augen geöffnet; künftig wollte ich weder von einem anderen Menschen noch vom Staat abhängig sein. Um diese Unabhängigkeit und die finanzielle Sicherheit für meine Kinder und mich zu gewährleisten, musste ich handeln. Der erste Schritt war eine Ausbildung zu machen.

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile einer Ausbildung in Teilzeit?

Als Mutter von vier Kindern hat man bereits einen Fulltimejob. Zusätzlich eine Ausbildung in Vollzeit zu machen ist physisch wie auch psychisch fast unmöglich. Es fallen für Auszubildende mit Familienpflichten einfach zu viele Aufgaben an: Haushalt und Kinder versorgen, Elternabende, den Kindern bei den Hausaufgaben helfen, dazu kommt noch der eigene Berufsschulbesuch, Arbeiten im Ausbildungsbetrieb, Lernen auf Klassenarbeiten und Prüfungen usw. - das sind schon riesige Herausforderungen, die man da stemmen muss. So hat man bei einer Ausbildung in Teilzeit wenigstens etwas Entlastung. Eine 30 Stunden-Woche bietet die Möglichkeit die persönlichen Rahmenbedingungen mit einer Ausbildung besser zu vereinbaren; sie ist somit deutlich familienfreundlicher.

Können Sie durch dieses Ausbildungsmodell Ausbildung und Familienleben besser vereinbaren?

Das erste halbe Jahr meiner Ausbildung habe ich zunächst in Vollzeit, also mit einer 40-Stunden-Woche, gemacht. Dabei bin ich sehr schnell an meine Grenzen gestoßen, da mir nicht ausreichend Zeit für Kinder, Haushalt und die Ausbildung blieb. Ich stand ständig unter einem enormen Druck wie und wann ich all die Sachen bewältigen sollte! So eine Doppelbelastung macht auf Dauer krank. Mit der Änderung des Ausbildungsvertrages in eine Teilzeitausbildung und eine 30 Stunden-Woche hatte ich mehr Zeit für meine Kinder, Arzttermine und Behördengänge. Aber auch Zeit für mich, selbst wenn es nur 30 Minuten pro Tag waren. Alleinerziehend zu sein ist nicht einfach und schon gar nicht während einer Ausbildung. So ist die Ausbildung in Teilzeit eine gute Möglichkeit alles besser unter einen Hut zu bekommen.

Wie ist das für Sie mit knapp 40 wieder die Schulbank zu drücken?

Die Berufsschule besuche ich gerne, denn ich bin von Anfang an von allen gut aufgenommen worden; ich fühle mich dort sehr wohl, obwohl ich die Älteste in der Klasse bin, sogar älter als der Klassenlehrer. Die erste Zeit war zwar ungewohnt, wenn man dich ständig „Mutti“ nennt, aber die Erfahrung unter den jungen Leuten, die so alt wie meine eigenen Kinder sind „verjüngt“. Die sind deutlich lockerer, gelassener und nehmen es nicht so ernst, wenn es z.B. um Prüfungen und den Notenspiegel geht. Man merkt ihnen an, dass sie keine große Verantwortung tragen müssen. Meine Noten sind oft besser als die meiner Mitschülerinnen, ich werde um Rat gefragt, man schätzt meine fachliche Kompetenz und Lebenserfahrung. Ich glaube, ich habe eine Art Vorbildfunktion für die anderen.
Wenn man älter wird ist man reifer und nimmt Themen ganz anders auf; so habe ich heute ein ganz anderes Verständnis für die Unterrichtsfächer wie z.B. Gemeinschaftskunde; die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge kann man in meinem Alter viel besser einordnen und verstehen. 2019 habe ich meine Zwischenprüfung abgelegt und bin mit meinem Notenspiegel sehr zufrieden; wenn ich ehrlich bin, bin ich auch Stolz auf mich und kann mit meinen Noten ein bisschen vor meinen Kindern angeben.

Was würden Sie anderen raten, die vielleicht Kinder oder pflegende Angehörige haben?

Die Ausbildungszeit wird nicht einfach sein, und man wird immer wieder an seine Grenzen stoßen. Aber auf gar keinen Fall aufgeben!  Mit Mut, Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen wird man die Ausbildung durchstehen; jede bestandene Prüfung erfüllt einen mit Stolz und gibt einem die Kraft weiterzumachen, bis das Ausbildungsziel erreicht ist.

Was sind oder waren die größten Herausforderungen für Sie während der Ausbildungszeit?

Die größte Herausforderung ist meiner Meinung nach die eigene Person. Es erfordert sehr viel Willensstärke und Kraft Tag für Tag den inneren Schweinehund zu überwinden. Auch ich habe mich immer wieder gefragt: "Warum tust du dir all den Stress an?" Aber dann dachte ich jedes Mal an meine Vorbildfunktion als Mutter. Wie will ich meinen Kindern beibringen durchzuhalten, nicht aufzugeben, das Angefangene zu beenden, wenn ich es selbst nicht vormache? Wie will ich die Unabhängigkeit und die finanzielle Freiheit erreichen, wenn ich zu früh aufgebe? Nein, das Leben ist nicht einfach und manchmal gerät man ohne eigenes Verschulden in schwierige Situationen, die gemeistert werden müssen. Dann muss man sich den Herausforderungen stellen - die Sache durchziehen. Am Ende wird man dafür belohnt -und wenn es nur der Stolz auf sich selbst ist, dass man nicht aufgegeben hat!

Was hat sich für Sie zu Zeiten von Corona (Lockdown, Homeschooling etc.) bei der Ausbildung verändert?

In der ersten Coronawelle waren meine vier Kinder und ich zu Hause; wir saßen alle um einen Tisch herum und mussten lernen; es war eine schwierige Zeit, in der ich mehr meine Kinder unterstützt habe, als mich um meine Ausbildung zu kümmern. Aber irgendwie haben wir es gemeinsam hinbekommen, auch dank meines sehr kooperativen und flexiblen Chefs.

Gibt es einen Wunsch für die Zukunft?

Zunächst bereite ich mich jetzt erst einmal auf die Abschlussprüfungen im Mai 2021 vor.
Und wenn ich die bestanden habe, will ich mich weiterqualifizieren. Ich habe richtig Lust aufs Lernen bekommen!  Ich habe mich schon ein bisschen informiert: vielleicht werde ich die geprüfte Wirtschaftsfachwirtin bei der IHK machen.

Was möchten Sie uns sonst noch mitteilen?

Meinen Kindern und anderen Alleinerziehenden möchte Vorbild sein. Ich möchte zeigen, dass, wenn man an sich selbst glaubt, mit Einsatzfreude und Entschlossenheit auch aus einer schwierigen und scheinbar ausweglosen Situation herauskommen und viel erreichen kann. Es ist nie zu spät dazu!